MANEGE LEBEN
Der Kampf um Aufmerksamkeit, die Verdichtung von Reizen und das Gedränge von Informationen  gehen in Klaus Ludwig Kerstingers Kunst Hand in Hand. Es ist eine Reaktion auf die schnelllebige, oft nicht fassbare Gegenwart – ein Kommentar auf unsere Zeit in der wir uns bewegen und leben. Persönliche Erfahrungen und Alltägliches finden sich in seiner Formensprache wieder.

Erlebnisse der einjährigen Karenzzeit spielen vermehrt eine Rolle. Zwischenmenschliche Gefühle, das Thema Sprache – Verständigung, Identität und das Individuum Mensch treten zunehmend an die Oberfläche.

Die beiden Töchter Marie Therese (4 Jahre) und Constanze (2 Jahre) werden unmittelbar in die künstlerische Arbeit einbezogen. Die beiden Kinder dürfen auf den zum Teil bereits entstandenen Motiven zeichnen – es entwickelt sich ein Zusammenspiel – es folgt eine Art Jam Session. Diese unverfälschte Herangehensweise ohne Kalkül interessiert Kerstinger. Sein Motive sind den Kindern quasi ausgeliefert und werden neu interpretiert oder neu “beschrieben“; neue Lesemöglichkeiten entstehen.

In seiner letzten Ausstellung im Offenem Haus Oberwart, OHO, geht Kerstinger sogar so weit und unternimmt den Versuch einer Fälschung: Er kopiert Kinderzeichnungen seiner beiden Mädchen; es ist ein sich herantasten an diese unbeschwerte, ehrliche und geradlinige  Kreativität von Kindern.
Weitere Informationen:
http://burgenland.orf.at/tv/stories/2764647/
http://www.podcast.de/episode/292550285/Klaus+Ludwig+Kerstiner+Ausstellung+im+OHO/

Seine Bilder sind subtile Close-ups, die Tiefenschärfe erzeugen und nicht bloß einfachen Zoom bedienen. Es geht um eine Art Gesellschaftsanalyse – den sogenannten Blick für die Zukunft zu schärfen. Machtverhältnisse in der Gesellschaft, Banales und Flüchtiges, Ironie und Schicksale; das Individuum Mensch  – eng in seinen Bilderwelten verbunden. Verschachtelte Sujets greifen ineinander, gehen auf Konfrontation – Fragen werden aufgeworfen, Denkanstöße oder Irritationen herbeigerufen. Oft stehen den Motiven Ereignisse gegenüber. Hierfür verwendete Kerstinger das ästhetische Mittel der Bedeutungsperspektive, indem er mächtigere Positionen größer und schwächere kleiner darstellte. Die räumliche Anordnung der Einzeldarstellungen, der individuellen Erfahrungen, erinnern dabei an sogenannte „Storyboards“, wie sie auch für Filme verwendet werden um eine Handlung zu visualisieren.

Mittels Zeichnungen und Objekten bespielt der Künstler seine Lebenswelt, Realitäten werden verschoben, entfremdet – neu codiert – Parallelwelten entstehen; Raum und Zeit verschieben sich. Inhalte der Alltagswelt werden entnommen und neue Bedeutungszusammenhänge gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Bestrebungen gezeichnet. Eine Manege Leben entsteht, welche eine Rezeption im Kontext einer Wirkungsgeschichte menschlicher Existenz als Individuum in der Gesellschaft erlaubt – zugewiesen Funktionalitäten von Objekten finden Einzug. Sehnsüchte, Ängste und Träume werden beschrieben, Widersprüchlichkeiten und Konflikte bewusst platziert. Persiflierend überzeichnendes stimmt nachdenklich. Formales, rein Visuelles wird emotional verknüpft. Es folgt eine Zeitreise – ein Bewusstsein der Mitgehörigkeit zu dieser Welt.

Kerstingers gelegentliche Aufnahme der Kunstgeschichte im Zusammenspiel des Hier und Jetzt verfolgen das Ziel der Neucodierung. Inhaltliche Komponenten zurückliegender Gegebenheiten werden mit den Bedürfnissen der Gegenwart neu ergänzt und somit neu zitiert. Eine Art Neubefragung tritt mit Seitenblicken und Rückblicken ein. Kerstingers Arbeiten verwandeln-, ein Neu-Er-Finden von Zeichen und Brüchen tritt aufs Tableau – die Ambivalenz von Nähe und Distanz werden hinterfragt. Schlaglichter werden geworfen – Blicke durch Linien bewusst geleitet – Sichtfelder werfen Spots. Szenen und Ereignisse spielerisch hinterfragt- gebrochen durch weitere Sprach und Bilderwelten.

Wie ein Forscher, ein Archäologe, gräbt Kerstinger im Unterbewussten des Heute, des Unmittelbaren. Eine Vielfalt und Dichte der Lebensstile, Nutzungen, Symboliken finden sich in seinen Bearbeitungen wieder.

In seinem Werkzyklus Verzerrte Nostalgie überlagert Klaus Ludwig Kerstinger Momentaufnahmen aus einem längst vergangenen Alltag. Er verzerrt nicht um des Verzerrens Willen, sondern er verschränkt gewisse Sehnsüchte nach heiler Welt mit einer uns bekannten Nostalgie, mit Spots aus der Alltäglichkeit.

In der Malerei von Kerstinger ist eine Leinwand ein Ort, an welchem Widersprüche und Konflikte des Alltagslebens bewusst vor Augen platziert werden. In den Arbeiten sind Ereignisse zu sehen, Vertrautes aus dem familiären Bereich, das durch maskenhafte, nahezu persiflierende Überzeichnung sogleich unheimlich wirkt und nachdenklich stimmt. Formales, rein Visuelles, wird mental oder emotional verknüpft. Es geht um einen Versuch, Gegensätze, die durch die Gegenüberstellung längst vergangener Ereignisse und gegenwärtiger Tatsachen entstehen, zusammenzuführen. Der Künstler beschreitet an dieser Stelle lange, komplexe Wege. Dem Betrachter ist es zugelassen, sich auf eine Zeitreise zu begeben und auf diese Weise mit den Werken in Dialog zu treten, auch um den Weg gedanklich fortzusetzen. So mancher würde sagen, es ist notwendig, sich in damalige Situationen zu versetzen, um diese verstehen zu können. Der Sprachphilosoph Hans Georg Gadamer aber ist der gegenteiligen Meinung. Er sagt, indem wir nicht in dieser Zeit lebten, fehlt uns die Erfahrung. Wir können uns nicht hineinversetzen in die Zeit von damals, aber wir können den Zeitenabstand positiv nutzen, indem wir das Herausragende gewisser Werke erkennen. (Vgl. GADAMER, Hans-Georg, Wahrheit und Methode, Grundzüge der philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1960.) Unser Verstehen wird immer zugleich ein Bewusstsein der Mitgehörigkeit zu dieser Welt erhalten. Dem aber entspricht eine Mitzugehörigkeit Kerstingers Werkes zu unserer Welt.

Klaus Ludwig Kerstingers neue Bleistiftarbeiten erweisen sich als zeichnerische Figurationen, in denen symbolische und gegenständliche Ebenen mit einem spontanen und unmittelbaren Duktus verbunden sind. Es werden Inhalte aus dem Alltag entnommen und lassen deren Bedeutungszusammenhänge gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufblitzen. Sie vermitteln sich als Bildwelt, die gerade im Kontext einer umfassenden Wirkungsgeschichte menschlicher Existenzen als Individuen in der Gesellschaft mit all ihren Sehnsüchten und Ängsten eine spannende Rezeption erlaubt. Dies wird bestärkt durch das bewusste Brechen räumlicher Grenzen.

Text: Barbara Wetzlmair

Klaus Ludwig Kerstinger – Negative Nostalgie als positiver Traum

Nach der Apokalypse kommt die Dunkelheit, in der Vergangenes – Schemen gleich – wie im Traum zum Vorschein gebracht wird. Ein grelles Schlaglicht wird auf die Akteure in dieser düsteren Manege geworfen, symbolartig erscheinen geschichtete Umrisse einer Zivilisation und deren Attribute. In der Vergangenheit Zugetragenes taucht für den Augenblick eines Blitzes wieder auf, erscheint uns als Warnung und Mahnung. Klaus Ludwig Kerstingers Serie Verzerrte Nostalgie ist ein Rückblick und Kommentar auf das, was war und ist, ein kritischer malerischer Blick auf unsere Gesellschaft, die sich bei ihm nostalgisch beschwert in Grauschwarz zeigt. Nostalgie, das ist normalerweise ein Früher war es besser, ein Die guten alten Zeiten herbeisehnen, doch dieses Gefühl will sich bei Kerstinger nicht einstellen. Sicherlich: Der Schilling war sehr schön, doch eben dieses unbedachte reaktive Beschwören nationaler Eigenständigkeit und glorifizierter Geschichte scheint eine ebenso negative Konnotation zu beinhalten, wie die stählernen Turnerkörper; eine Gesellschaft der sportlichen Ertüchtigung, der Leibesbilder, ein neues Olympia der Leistung evozierend. Nicht so flink und tüchtig haben da die neuen Obdachlosen reagieren können, die beim Blasensprung einfach rausgeschwappt wurden. Kerstingers Bilder sind subtile Close-ups, die Tiefenschärfe erzeugen und nicht bloß einfachen Zoom bedienen. In diesen Bildern fliegen nun eben all diese Elemente vor verwischtem Hintergrund an uns vorbei und ineinander, wie in einer filmischen Traumsequenz, es ist ein Exkurs ins Zwischenreich, in dem die Figuren wie Traumwandler und Geister erscheinen. Hier leistet die schwarz-weiße Leinwand dystopische Gesellschaftskritik um den Blick für die Zukunft zu schärfen. Verzerrte Nostalgie ist ein malerischer Einschub, der Kerstingers bisheriges Werk gleichermaßen zusammenfasst und ihn innehalten lässt.

Text: Manfred Wiplinger

Klaus Ludwig Kerstinger – Zweite Landschaft
Das Genre der Landschaftsmalerei ist von jeher geprägt durch die Darstellung der gegenständlichen Natur, ebenso wie von Menschen geschaffenen Naturveränderungen, sogenannten Kulturlandschaften. Aber auch Stadtansichten gehören zu diesem Bereich. Insofern spiegeln Landschaftsbilder stets ein Gefühl für ihre jeweilige Zeit wieder. Ihr Zentrum und Gegenstand ist immer der repräsentierte Raum. Ein landläufiges Klischee dieser Gattung ist bestimmt die Ruhe und die Verlangsamung, die Kontemplation, die schon im Malprozess eingeschrieben scheint: Der Künstler beobachtet ruhig, womöglich sogar vor Ort, mit einer Staffelei sitzend, widmet sich ganz dem Motiv. Aber auch das Gegenteil; das Bedrohliche und Unheimliche, das von einer Landschaft ausgehen kann, ist uns vertraut – das Gewitter, ein Sturm, der unsere Gefühle in Aufruhr bringt; die Natur, die sich gegen den Menschen stellt.
Um Klaus Ludwig Kerstingers Serie Landscapes genauer zu untersuchen, empfiehlt sich dieser kleine Exkurs zu den Wurzeln des Genres. Denn das Verständnis der Landschaft bei Klaus Ludwig Kerstinger ist ein umfassendes in diesem Sinne, es entwickelt sich stark aus seiner Sicht der Stadt, birgt sowohl Kontemplation als auch Unheimliches. Seine Landschaft entspricht aber vielmehr einer zweiten Natur. Einer Natur die bereits vom Menschen grob bearbeitet wurde; im wahrsten Sinne des Wortes ein Großstadtdschungel. Das Bedrohliche an diesen Bildern ist, dass sich diese einst menschliche Aneignung wiederholt. In postapokalyptischen Ruinen erobern bereits die Tiere das Terrain und zeugen durch teils böse Blicke (fiese Ziesel) von einem Sieg über die technische Welt. Es sind kulissenhafte Türme, wie aus einem Animationsfilmstill, geknickt und dem Verfall preisgegeben. Diese Rückeroberung findet oftmals ohne den Menschen statt, der nur mehr vereinzelt als Wandler oder Schattenbild durch die Gegenden zieht. Kerstingers Landscapes sind vielschichtige Überlagerungen. Die differenten Ebenen erscheinen bewusst montiert und zusammengesetzt, ebenso wie er schon in seiner Paraphrasenserie mit Überlagerungen arbeitete. Kunstgeschichtliche Bildreferenzen von Breughel über Bosch bis zu Michelangelo mischen sich in diesem Zyklus in urbane Umgebungen.
Ausgangspunkt und Vorbote dieser Serie äußerst dichter und intensiver Bilder, sind Kerstingers Momentaufnahmen; leichte ungezwungene Stadtansichten, gleich beiläufigen Schnappschüssen. Es ist ein Wechselspiel mit Hoch- und Popkultur, ein Zitathaufen der Moderne, aber auch ein Trotzen der Krise der Malerei durch die Fotografie. Die Fotografie ist trotzdem bestimmendes Medium. So paradox es scheint, geht es Kerstinger doch immer um Geschwindigkeit. Seine Malerei ist eine der Geschwindigkeit, dies spiegelt sich bereits im Material wieder; verwendet werden vor allem Eddingstifte und Acryl. Der Unterschied zur Fotografie liegt freilich im Fokus, im Blickwinkel. Kerstingers Bilder sind ebenso Dokumente der Zeit wie es Landschaftsbilder in guter Tradition sind. Sie konservieren Logos und Zeichen, dokumentieren vergessene Städte, zeigen Zusammenhänge.
Wenn erst einmal die Tiere übernommen haben, werden wir Schatten diese Dokumente dringend benötigen, ebenso wie die plastischen Leitern und Lianen, die einen Ausstieg aus dem Bildraum ermöglichen.
Text: Manfred Wiplinger

Maneža život

Klaus Ludwig Kerstinger se bavi s temami svakidanjega žitka. Najveć ga zanima individuum človik i njegov identitet. Svoji slika su odgovor brzim tempom dobe – jedan komentar na naše sadašnjosti u kojem se krećemo i živimo.

U njegovom ciklusu maneža život su kipi iz vrimena kad je umjetnik bio u karenciji. Međuljudski osjeti, tematika jezik –  čujnost. Na neki slika je dao isto sudjelivati svojoj dici – kakov jedna „jam session“.

Kot je rekao Kerstinger imaju dica fantaziju, ništ konkretnoga predvidjeno i slobodno moljaju. On da je kanio isto doživiti tu ćut, tako da je to ča su dica namoljala na formatu A4 povećao na veći format i na svoj način predjelao – po: http://volksgruppen.orf.at/hrvati/stories/2795958/
Informacije: http://mojahrvatska.vecernji.hr/gradiscanski-hrvat-naslikao-djela-olovkom-i-kavom-1118784

Trenutne snimke
Klaus Ludwig Kerstinger pokaže trenutne snimke, koje izviru iz dinamike neposredne sadašnosti, među njima ima najviše gradskih uličnih scena. One posreduje suvrimeni način življenja, okupljanje ljudi, pomatranjem i osjećanjem za gorjenje u masi. Kerstingovere trenutne snimke nisu samo slikovito rekonstruirane slike, nego I zgušćivanje dražesti i borba za pažnju tako kako se moraju u gužvi grada i komešanja utisaka izvojštiti tvrdnje. Mnoštvo i gustoća načina života, iskorišćavanja, simbolike i nataj način nastajući gradskograđevni milje, ada obilježe gradskog načina života pronađa se u slikoviti Kerstingerovi obrađivanji da li markantno, dominantno, anonimno, u masi, naučno, tjeskobno ili izgubljeno u detalju; istodobno izražuje sastanak fizičke blizine I socijalne udaljenosti. Život u gradu se reproducira/ prikaže pomuću crtačkih sredstava. Različiti motivi grada se pronađu na različiti materijali. Zamrzne se ne samo cjelina određene scenerije nego metne se slika pogled na određenu radnju, motiv ili dijalog s gradom.

SNAPSHOTS

These every day stories show the dynamics of life in the fast growing cities and which convey an impression of the lifestyle of a certain “time”. People in different roles who move in certain situations, day rooms and social constellations – a casual look at the street, the feeling of a hustle and bustle in the mass. Superficially, I try to understand the day room by reflecting the population as a whole. The spontaneous look at the reality is represented and immediately the contemporary life finds entrance in the representations. The work picks out the contemporary life in the city as a central theme. It is all about the perception of the presence; the memory of life shall be stored, marked by keeping the time. A certain snapshot is reconstructed. The impression of the moment, the flood of stimuli and the fight for attention is the content.In cities an increased attention is required to find the way in the mass of impressions. My works show the usual without new attributes.My works show the usual, the banal which is represented by snapshots. However, what wants to require attention does not have to be shocking. This can also be the usual, the well-known and always the recurrent. The superficial is picked out as a central theme. I try to counteract that through overstimulation the look at the ordinary has been lost. The one or other moment can be catched which removes the single person from its environment. It is up to the observer to reflect on the affections of the shown individuals out of the well-known but also strange mass.